Biogemüse, Dönerfleisch und Hackfresse. Skandaltheater um Migration!

Preisfrage: Erzählt dieser Hirsch nun Geschichten aus den Alpen oder aus Anatolien?

Ein Regisseur hat ein Projekt begonnen. Ein  Produktionsleiter hat einen Rundbrief geschrieben. Ein Kulturunternehmer hat eine Pressemitteilung verfasst. Und seit Tagen halten die Aufstände an, die ein Projekt der Münchner Kammerspiele zum Thema Migration auslöste. Wer ist der Migrant, wer ist der Fremde, und was haben die ganzen Dönerfresser damit zu tun? Ich sprach mit der Regisseurin Christine Umpfenbach, eine gebürtige Ausländerin, die sich seit 2006 in ihren Theaterarbeiten mit Migration und Flucht beschäftigt. Ein Einblick.

in eigener Sache: aus dem migrantenstadl Archiv





Das folgende Interview entstand im Juni 2013 anlässlich der Nominierung unseres Blogs zum Grimme Online Award. Der Text wurde damals auf queergewebt veröffentlicht und gibt einen kleinen Ein- und Ausblick in unsere Bloggeschichte... 


 
Provokant, ehrlich, politisch unkorrekte Wortwahl: “das migrantenstadl” mischt Politik, Kultur und Migration, bewegt sich bewusst in einer künstlerischen Dimension und zuweilen leicht dadaistisch am Rande der Verständlichkeit. Mit dem in der Kategorie Kultur und Unterhaltung nominierten Blog will Imad Mustafa gegen Vorurteile ankämpfen und die Medienlandschaft aus migrantischer Perspektive zeigen:



Was war der Anlass für die Konzeption Ihres Angebots?
Alles fing ganz simpel an. Meine Kollegin Tunay Önder und ich haben uns beim Studium kennengelernt und in unseren Abschlussarbeiten beide mit der medialen Darstellung von Migranten und Minoritäten beschäftigt, die unserer Meinung nach häufig zu negativ, einseitig und vorurteilsbeladen ausfällt. Oftmals wird nur über Ausländerkriminalität und nicht über positive Dinge berichtet. Beide sind wir selbst sogenannte Gastarbeiterkinder. Ich bin Sohn von Palästinensern, die in den 1960er Jahren nach Stuttgart kamen. Auch Tunays türkisch-tscherkessische Familie verschlug es damals hierher. Wir finden, dass viele von den ehemaligen Gastarbeitern noch zu sehr ein Nischendasein führen und die zweite Generation mit Problemen konfrontiert ist. Trotzdem erheben wir nicht den moralischen Zeigefinger und behaupten, so und so ist die Situation von Migranten in Deutschland. Wir wollen den Menschen aus dem migrantischen Dunstkreis nur etwas mehr Gehör verschaffen und zeigen, dass wir da sind und gar nicht so anders sind, nur bunter, aber eben nicht schlechter. Da wir beide einen akademischen Hintergrund haben, verfolgen wir einen künstlerisch angehauchten Ansatz.


Was und welche Zielgruppen wollen Sie erreichen? Das Migrantenstadl war unser erstes großes Ding im Internet, da wir keine Blogerfahrung besaßen. Unser Blog ist langsam mit der Zeit entstanden, wir haben allmählich dazugelernt und ein Gefühl dafür entwickelt, neue Inhalte gefunden. Facebook kam auch hinzu, wodurch wir noch mehr Leute erreichen. Unsere spezielle Ausdrucksweise besitzt schon eine gewisse Intention. Besser gesagt, ist sie ein bisschen Ausdruck unserer Verzweiflung  und unseres eigenen momentanen Lebensgefühls als Migrantenkinder in Deutschland. Manches kann man gar nicht mehr ernst nehmen, was hierzulande z.T. erzählt wird und passiert und dem wollen wir mit unserem Angebot die Stirn bieten. Wir dachten, es muss ein wenig Ironie, Sarkasmus her, um mit dem Thema Einwanderung und Migrantentum umzugehen. Die Zeit des Aufregens über Rassismus und Intoleranz ist vorbei. Unser “Stadl” hat daher etwas von “Selbsttherapie”. Tunay ist als Münchener Kind in Bayern aufgewachsen und dort sehr aktiv, daher die Namenswahl. Außerdem soll dadurch der gesellige Aspekt betont werden. Wir verbinden damit eine positive Metapher im Sinne von “Deutschland als Migrantenstadl”, als Einwanderungsland, und das ist auch gut so. Wir wollen betonen, dass es eben so ist. Unser Aktivismus hat auch praktische Gründe, denn wir wollen uns nicht verstecken. Die Gastarbeiter und ihre Nachkommen sollen nicht mehr als “Gäste”, sondern als wichtiger Teil der deutschen Gesellschaft wahrgenommen werden. Dazu wollen wir beitragen. Über unsere eigentliche Zielgruppe hatten wir uns anfangs keine Gedanken gemacht. Sie ist bewusst nicht kategorisierbar. Wir selbst sind eher politisch-künstlerisch ausgerichtet, doch erst einmal gehört jeder, der uns liest, zu unserer Zielgruppe. Es ist schön, wenn Migranten, also Personen, die uns verstehen, zur Leserschaft gehören. Genauso freuen wir uns über deutsche Leser, die sich interessiert zeigen, aber auch kritisieren und bewerten.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von der Nominierung erfuhren?
Das war ganz lustig. Ich wurde informiert und habe gleich versucht, meine Mitstreiterin Tunay Önder zu erreichen. Da sie nicht ans Telefon ging, mailte ich sie mit der Bitte um Rückruf an. Sie war gerade mit einer Projektarbeit in der Bibliothek beschäftigt, sah meine Anrufe in Abwesenheit und dachte natürlich im ersten Moment, es wäre etwa Schlimmes passiert. Als Tunay mich dann zurückrief und ich ihr die frohe Botschaft überbrachte, mussten wir beide lachen vor Freude und uns kam es total surreal vor. Wir hatten ja gar keine Ahnung, waren platt und aufgeregt. Wir kannten den Grimme Online Award bereits, er war uns vor allem durch das bereits ausgezeichnete MiGAZIN bekannt. Doch wir hatten in dieser Hinsicht niemals Ambitionen, sondern einzig daran gedacht, uns irgendwann einmal bei einer dotierten Preisausschreibung anzumelden, weil wir unser Projekt ja irgendwie finanzieren müssen. Das Ausmaß der Nominierung haben wir erst nach und nach realisiert und sehen es als riesengroße Ehre und Anerkennung. Es ist eine Bestätigung für das, was wir tun, und dafür, dass in dieser Hinsicht scheinbar Bedarf herrscht. Die Klickzahlen sind jedenfalls sofort in die Höhe geschossen, wir hatten einen neuen Rekord. Der gesteigerten Aufmerksamkeit sind wir uns durchaus bewusst, konsultieren uns jetzt gegenseitig intensiver vor jedem Post, schreiben aber immer noch, worauf wir Lust haben.


Was bedeutet die Nominierung für die zukünftige Entwicklung Ihres Angebots?
Inhaltlich wollen wir so bleiben, wie wir sind, keine Kompromisse eingehen. Da liegen wir im Zwiespalt, beziehungsweise das ist auch eine Art Dilemma für uns. Denn wenn wir das Ganze größer machen oder Inhalte stark auf Facebook & Co verlagern, befürchten wir, uns durch Integration von Werbung, angepasstes Design usw. weg vom gewohnten Nischen- und Underground-Dasein in Richtung Mainstream zu bewegen. Denn dann muss man ja eventuell auch repräsentativ für bestimmte Sachen sein oder sich irgendwie einschränken – und genau das ist es, was wir nicht wollen. Wir versuchen daher eine gute Balance zwischen Bekanntheitsgrad und Wachstum zu finden. Jetzt erhalten wir infolge der Nominierung schon vermehrt Anrufe von Unterstützern, Freunden und z.T. auch Journalisten, die mitmachen wollen oder uns Anregungen für die Gestaltung der Seite geben. Bisher sind unsere Co-Autoren aber alles Leute, die wir sehr gut kennen und denen wir vertrauen. Ein Blog ist ja stets ein persönliches Ding und man muss miteinander auskommen. Wir sind da also noch etwas verhalten. Keineswegs wollen wir den Partizipanten aber vorschreiben, was sie schreiben sollen. Bei uns soll es kein festes Programm geben, wichtig ist nur die Fähigkeit zur migrantischen Perspektive.


Wahlempfehlung:

Für alle, die heute wählen gehen, sich aber noch nicht entschieden haben zwischen den vielen guten und vertrauenswürdigen Optionen, -  hier ein überzeugendes Argument von Sebastian Atzni für die richtige Wahl:

STELLENANZEIGE - Head of Department gesucht




Manager dringend gesucht
in Teilzeitbeschäftigung ( 138 Stunden/ Woche )
 
 Mit einem Jahresumsatz von ca. 0 Millionen Euro gehört das migrantenstadl GmbH & Co. KG AG inc.Corporated zu den weltweit führenden Anbietern von marginalen Kommunikationsräumen und elektronischen Dialogantriebs­sys­te­men. Den Fokus stets auf die Trends von morgen gerichtet, bietet das migrantenstadl höchstmögliche Unsicherheit und Unbequemlichkeit am Arbeitsplatz. In unserem Produktionsprozess verzichten wir auf Effektivität, Allgemeinverständlichkeit und Nützlichkeit. Von München bis Madagascar: Heute begeistert das migrantenstadl weltweit Menschen mit Resten, Fragmenten und Überflüssigem. 

Bea and da Boyz

Quelle: Badische Zeitung, bearbeitet von Tunay Önder, mit freundlicher Unterstützung von Atdhe


Was passiert eigentlich im Justizraum des NSU-Prozess' und wie wird dort verhandelt? Ist die Banalität des Bösen, von der Hannah Arendt in Bezug auf Eichmann sprach, auch in diesem Fall erkennbar? Und wenn ja, was hat das alles zu bedeuten? Peter Arun Pfaff* geht diesen und anderen Fragen nach, indem er den NSU-Prozess als Performance einer Gesellschaft analysiert.  


Ich sitze auf der Galerie. Vor mir ein kreisrunder Saal im Strafjustizzentrum des Oberlandesgerichts München, Saal A 101. Zwei Stockwerke hoch. In der Mitte an der Decke, als akustische Baumaßnahme, etwas, das wie die Unterseite eines russischen Raumschiffes aussieht. Zu grob, um elegant und zu hässlich, um schön zu sein. Genau gegenüber, unten in der Mitte, der Senat. Acht schwarze Roben voll angespannter Staats-Juristen – immerhin handelt es sich um den wichtigsten, politischen Prozess gegen Terroristen in Deutschland, seit Stammheim, sagt man.

kite runner im PENGland

Das PENGland in Mainz beherbergt bis zum 10. August 2013 eine Ausstellung ungarischer Undergroundkünstler. Neben Graphiken und Zeichnungen, gibt es etwa auch handgefertigte Notizbücher aus recycelten Materialien zu erstehen.




Wie Kohl die Türken abschieben wollte - „Integration“ war 1982 schon ein hinterlistiger Begriff




In Deutschland wird über „Ausländer“ gesprochen, als wären sie Fremdkörper. Britische Regierungsdokumente zeigen, dass Kohl schon 1982 das "Problem" auf seine Weise lösen wollte. Das Wort von der Integration ist damals wie heute der Kampfbegriff schlechthin – er gehört jedoch auf die Müllhalde der Geschichte.

In den Medien stinkt es!

Menschen mit Migrationshintergrund machen in Deutschland 20% der Gesamtgesellschaft aus, ihr Anteil unter Journalist*innen ist mit 2% aber extrem unterrepräsentiert. Das stinkt gewaltig nach Rassismus.  In unserem Gespräch mit Dr. Liriam Sponholz*, Rassismus-Expertin und Wissenschaftlerin an der Universität Erfurt, lüften wir mal ordentlich durch.  
Von Tamer Düzyol/ Tunay Önder

Dr. Liriam Sponholz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt „Rassismus zwischen Konsens, Meinung und Tabu. Die publizistischen Kontroversen um Thilo Sarrazin, Oriana Fallaci und James Watson“ an der Universität Erfurt. 



Migrantenstadl: Frau Dr. Sponholz, bevor wir über Rassismus in den Medien sprechen, können Sie uns erklären, was unter Rassismus zu verstehen ist? 

Dr. Liriam Sponholz: Nach der Definition der UN-Rassendiskriminierungskonvention, auf die ich mich beziehe, ist Rassismus jede auf die Rasse, die Hautfarbe, die Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Ausschließung. Ziel und gleichzeitig auch Folge davon ist, dass ein gleichberechtigtes Anerkennen in allen möglichen Bereichen des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird.

Aktueller Bericht aus München, Teil III



es ist Juli geworden in München, die Tage sind lang und warm, mein Zimmer wird brütend heiß, ich fliehe ständig raus und radle quer durch die Stadt, oft am Residenztheater vorbei in die kühlen Säle der Stabi, kopiere dort aus dutzenden von gebundenen Zeitungen einzelne Seiten raus.

Wahlplakat





Unsere  Kampagne, anlässlich der bevorstehenden Bundestagswahlen...