Buch der Woche: Gespräche über Rassismus
Eine Rezension von Tunay Önder
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So
meine Damen und Herren, es gibt wieder Lesestoff. Will sagen, ein
Buch, das es zu lesen lohnt, frisch aus der Druckerei und vor allem
voller frischer, erhebender Gedanken. Nachdem meine Rezension
nicht in der Süddeutschen erscheinen wird, sag ichs mal ganz
unverblümt: Hier sprechen Kanacken über Dinge, die sie selbst -
aber nicht nur sie selbst - substantiell betreffen und interessieren,
aus einer dezidiert postmigrantischen Perspektive, ohne
sich dem Integrationsparadigma zu unterwerfen und vor allem ohne
Rücksicht auf die herrschenden Normen des deutschen, öffentlichen
Diskurses. Das tut dermaßen gut, man könnte meinen, die
mobilisierende Macht der Worte in den Muskeln zu spüren! Ich
übertreibe, aber es ist wahr.
Die Produktion dieses Buches und die ganze Aufmachung kommen so bescheiden daher und stehen in so krassem Gegensatz zu dem, was drin steht, dass man sich fragt, ob das System hat. Es ist das erste Buch des Verlegers Koray Günay. Auf seiner Verlagshompage behauptet er, den Verlag als eine Art Hobby zu betreiben und entschuldigt sich dafür, aufgrund seines Türkeiurlaubs die nächsten sechs Monate schwer erreichbar zu sein. Interessanter Ansatz. Klingt nach: minimal move, maximal groove. Da wünscht man sich, alle Verleger_innen dieser Welt würden nur hobbymäßig ihrer Arbeit nachgehen.
Die Produktion dieses Buches und die ganze Aufmachung kommen so bescheiden daher und stehen in so krassem Gegensatz zu dem, was drin steht, dass man sich fragt, ob das System hat. Es ist das erste Buch des Verlegers Koray Günay. Auf seiner Verlagshompage behauptet er, den Verlag als eine Art Hobby zu betreiben und entschuldigt sich dafür, aufgrund seines Türkeiurlaubs die nächsten sechs Monate schwer erreichbar zu sein. Interessanter Ansatz. Klingt nach: minimal move, maximal groove. Da wünscht man sich, alle Verleger_innen dieser Welt würden nur hobbymäßig ihrer Arbeit nachgehen.
Kommen
wir zu den Details! Gespräche über Rassismus heißt der
Titel des Buches. Und das führt auch schon zur ersten Überraschung,
denn obgleich der Inhalt tatsächlich aus einer Niederschrift von
Gesprächen und Interviews besteht, wird ziemlich schnell klar, dass
hier keine einfachen Gespräche geführt werden, sondern
Interviewtexte abgedruckt sind mit Hard Facts und wissenschaftlichem
Anspruch. Das bestätigt in ausgezeichneter Weise die Annahme, dass
das Gedankengut anderer nicht allein über die Lektüre ihrer
Fachtexte zugänglich ist, sondern sich in vollem Umfang erst durch
gute Interviews und Gespräche erschließt, in denen man in
dialogischer Form etwas über die Biographie und Aktivitäten der
Autor_innen erfährt.
Ob das nun tatsächlich die Motivation der beiden Herausgeber Zülfükar Çetin und Savaş Taş für diese Form der Publikation war, weiß ich nicht, jedoch deutet einiges darauf hin. Die beiden Herren scheinen ihre bisherigen geistigen Auseinandersetzungen darauf verwendet zu haben, einen kritischen Habitus auszubilden. Anders kann ich mir deren Promotionsprozess zum Thema Ideologie des türkischen Staates oder Homophobie und Islamophobie nicht vorstellen. Zudem scheint sich an der Alice-Solomon-Hochschule (ASH), an der beide lehren und forschen, mittlerweile ein bemerkenswertes Netzwerk etabliert zu haben, zumal etliche Gesprächspartner_innen im Buch hier angedockt sind wie zum Beispiel Professorinnen wie Iman Attia und María do Mar Castro Varela oder Wissenschaftler_innen wie Halil Can oder Yasemin Shooman. Auf rund 220 Seiten und 17 Beiträgen werden sämtliche aktuelle Aspekte des Rassismus verhandelt: Von Antiziganismus, antimuslischem Rassismus bis hin zum intersektionalen Rassismus und dessen Zusammenhang mit Ökonomie, Kapitalismus und Klassismus. Hochaktuell und spannend ist der mit zahlreichen Photos versehene Beitrag von Ayşe Güleç zur Bild- und Raumpolitik im Zusammenhang mit den NSU-Mordfällen. Auf den Aufnahmen sieht man vor allem Bilder, die vom Widerstand gegen Rassismus zeugen: Der Halit-Platz in Kassel, die Straßenumbenennung der Holländischen Straße in die Halit-Yozgat-Straße, die Kasseler Massendemonstrationen "Kein 10. Opfer", die Reden und Ansprachen des Vaters und dessen öffentlicher Aufruf zur Demo.
Ob das nun tatsächlich die Motivation der beiden Herausgeber Zülfükar Çetin und Savaş Taş für diese Form der Publikation war, weiß ich nicht, jedoch deutet einiges darauf hin. Die beiden Herren scheinen ihre bisherigen geistigen Auseinandersetzungen darauf verwendet zu haben, einen kritischen Habitus auszubilden. Anders kann ich mir deren Promotionsprozess zum Thema Ideologie des türkischen Staates oder Homophobie und Islamophobie nicht vorstellen. Zudem scheint sich an der Alice-Solomon-Hochschule (ASH), an der beide lehren und forschen, mittlerweile ein bemerkenswertes Netzwerk etabliert zu haben, zumal etliche Gesprächspartner_innen im Buch hier angedockt sind wie zum Beispiel Professorinnen wie Iman Attia und María do Mar Castro Varela oder Wissenschaftler_innen wie Halil Can oder Yasemin Shooman. Auf rund 220 Seiten und 17 Beiträgen werden sämtliche aktuelle Aspekte des Rassismus verhandelt: Von Antiziganismus, antimuslischem Rassismus bis hin zum intersektionalen Rassismus und dessen Zusammenhang mit Ökonomie, Kapitalismus und Klassismus. Hochaktuell und spannend ist der mit zahlreichen Photos versehene Beitrag von Ayşe Güleç zur Bild- und Raumpolitik im Zusammenhang mit den NSU-Mordfällen. Auf den Aufnahmen sieht man vor allem Bilder, die vom Widerstand gegen Rassismus zeugen: Der Halit-Platz in Kassel, die Straßenumbenennung der Holländischen Straße in die Halit-Yozgat-Straße, die Kasseler Massendemonstrationen "Kein 10. Opfer", die Reden und Ansprachen des Vaters und dessen öffentlicher Aufruf zur Demo.
Die
Texte vereinen, trotz ihres Wesens als geschriebenes Wort, Theorie und Praxis; sie schaffen - zumindest teilweise - Platz für neue,
andere, alternative Narrationen und Perspektiven auf ein und dieselbe
Welt und deren Geschehnisse.
Nehmen
wir ein Beispiel. Das beste Beispiel.
Anna-Esther Younes im Gespräch mit Zülfükar Çetin. Betitelt ist das Gespräch mit Die
Anderen der Anderen - Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus
in Deutschland heute. Wer die junge
Frau Younes schon mal hat sprechen sehen, wird ihre Stimme beim Lesen in den Ohren widerklingen hören. Scharfsinnig, kompromisslos und
entschieden. Diese Power ist unerlässlich, denn es geht um ein
Thema, dessen Definitionsmacht die Deutschen meinen auf ewig
gepachtet zu haben: Antisemitismus und - Achtung Minenfeld! -
Israelkritik. Wen es schon immer genervt hat, dass man sich als
Einwandererkind aus den ehemals osmanischen Gebieten in Deutschland
nun die historische Schuld aufbürden und die kolonialen Projekte der
Deutschen gutheißen muss, wird dieser Beitrag besonders erfreuen,
weil er andere Pespektiven aufzeigt. Hier werden Zusammenhänge
sichtbar gemacht und öffentliche Diskurse in einem größeren,
historischen Kontext betrachtet. Das ist sehr erhellend. Man erinnere
sich an die Antikriegsdemos im Sommer 2014 gegen den Gazakrieg, die
hauptsächlich von Palästinenser_innen und Türkeistämmigen
initiiert und anschließend von den mehrheitsdeutschen Medien als
antisemitisch disqualifiziert wurden, - während im Hintergrund die
Figur des Muslims als "nicht-integrierbar" durch mediale
und politische Diskurse und Maßnahmen stetig weitergezeichnet wurde
und wird. Kurzum: Man wirft einer Gruppe Antisemitismus vor, ist aber
selbst hochgradig rassistisch. Anna-Esther Younes schafft es auch,
die gegenwärtigen Reste der deutschen Ideologie der rassischen
Überlegenheit aufzuzeigen, wenn etwa partikulare Erfahrungen zu einer universellen
Menschheitserfahrung erhoben werden, wie es in Deutschland der Fall
ist. Wobei man sich mit den Worten von Younes fragt: Warum die Genozide an den Herero, Nama und Maji-Maji nicht zu einer Generalerfahrung Deutschlands oder der Menschheit werden konnten? Hier wird mehr als deutlich, was es heißt, in einem
Einwanderungsland als Kind von Einwanderen geboren zu sein, hier zu
leben und nur eine Geschichte
zu kennen, die vermeintlich zählt: die deutsch-deutsche (Schuld-)Geschichte.
Daher bleibt perspektivisch tatsächlich nur eines zu klären,
nämlich wie man einen Universalismus
des Antirassismus schaffen kann, ohne andere Erfahrungen zu
marginalisieren oder zum Schweigen zu bringen.
Das Buch "Gespräche über Rassimus. Perspektiven &
Widerstände" trägt mit Sicherheit seinen Teil dazu bei.
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Gespräche über Rassismus. Perspektiven & Widerstände. Herausgegeben von Zülfükar Çetin und Savaş Taş. Erschienen im Verlag Yılmaz Günay, 224 Seiten, 15 Euro, ISBN: 978-3-9817227-1-0, Bestellung direkt beim Verlag.
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Gespräche über Rassismus. Perspektiven & Widerstände. Herausgegeben von Zülfükar Çetin und Savaş Taş. Erschienen im Verlag Yılmaz Günay, 224 Seiten, 15 Euro, ISBN: 978-3-9817227-1-0, Bestellung direkt beim Verlag.
aktueller bericht aus münchen in fast jambischem prosa versmaß, teil 138
Ich
sehe nicht so aus, als wäre ich von Armut betroffen und fühle mich
auch nicht so. Aber einiges lässt drauf schließen. Ich habe einen
guten Freund gefragt, ob es denn wohl sein könnte, dass ich von
Armut betroffen bin. Er war fest überzeugt davon, dass ich von Armut
betroffen bin, was mich wiederum enttäuschte, denn wie gesagt, ich
fühle mich in keinster Weise arm. Ich trage gerne zerrissen
Klamotten, kaputte Schuhe, Seconhhandware, zersauste Haare und so
Sachen. Aber das ist halt auch Mode. Die Generation von meinem Vater
hätte das noch als Indiz für Armut gesehen. Aber natürlich ist das
hier und heute kein Indiz für Armut. Clochard- und Straßenkinderklamotten sind Couture.
Wenn
ich anfange mir ernsthaft Gedanken zu machen, über die Formen
meiner Existenssicherung, dann wird ziemlich schnell deutlich, dass
die Art wie ich wirtschafte, in keiner Weise kostendeckend ist und
gewinnbringend schon gar nicht. Ich habe keinen Sinn dafür
gewinnbringend zu arbeiten und das wurde mir auch nie beigebracht.
Nicht einmal, dass es bedeutsam sein könnte. Meine Eltern haben zwar
immer vorbildlich gearbeitet, um Geld zu verdienen, so dass mir der
Zusammenhang zwischen Arbeiten und Geldverdienen durchaus klar ist,
aber das stellt sich in meinem Beschäftigungsfeld, wie man so schön
sagt, da stellt sich dieser Zusammenhang einfach nicht her. Ich
dachte mit Bildung kommt Geld. Das ist aber falsch. Meine Eltern
glaubten fest, dass mit Bildung Geld kommt. Leider kann ich ihnen das
an meiner eigenen Person widerlegen. Früher hat wenigstens noch
körperliche Arbeit Geld gebracht.
Fabrikarbeit
in den 60er Jahren, das waren Goldene Zeiten. Als ungelernter Arbeiter hat mein Vater zu seiner Zeit mehr verdient als ich es
mir für die nächsten Jahre je vorstellen kann. Und nach Rückkehr
aus dem 6 wöchigen Türkeiurlaub hat er dann auch noch gesagt: so
jetzt erstmal in aller Ruhe arbeiten gehen und sich von dem ganzen
Urlaubsstress erholen. Wie ist das möglich? Ich darf mich den ganzen
Tag bilden und bin vollkommen erledigt, schon am späten Nachmittag.
Ich
hatte vielmehr Bildungschancen als er, ich habe studiert, ich habe
staatliche Förderung erhalten (und mich dennoch hoch verschuldet),
ich habe mich auch kulturell gebildet, bin viel rumgereist,
beherrsche mehrere Sprachen perfekt, kann mich in unterschiedlichen
Milieus bewegen und artikulieren. Und? Ich bin nicht aufgestiegen.
Ich bin abgestiegen! Ich habe immaterielles Kapital, das ich nicht in
Geld umwandeln kann. Und sitze nun da und schreib in mein Tagebuch.
Meine
Überlebensstrategie dieser Tage lautet: Aus der Not mach eine
Tugend. Zu wenig Geld führt zu mehr Bewusstsein. Ich kaufe wenig
ein. Kein Dach überm Kopf führt zu Reduktion von Eigentum. Nur das
Wesentliche zählt. Ich besitze kaum mehr irgendwelche Güter, weder
Möbel, noch Geschirr, noch sonstige Wohngegenstände. Einige wenige
Objet Trouve sind verteilt in den Kellerabteilen meiner Eltern, von Verwandten und Bekannten und in der Scheune vom
Schrebergarten. Alles ist ausgerichtet auf Umzug oder Abriss der
Zelte. Das sind wohl die Nachwirkungen meiner geflüchteten
Vorfahren. Dafür habe ich aber ein Verständnis von Freiheit. Ich habe nichts, also bin ich! So lässt es sich zumindest geruhsam schlafen.
Eingestellt von
tunay önder
Dunkle Wolke sorgt für Sonnenschein
Interview
mit Pınar Karabulut über ihre Inszenierung INVASION! auf
dem Theaterfestival Radikal Jung.
Die
junge Regisseurin Pınar Karabulut zeigt am 20. und 23. April ihre
Debütinszenierung INVASION! am Münchner Volkstheater
auf dem Festival Radikal Jung, zusammen mit Arbeiten 12
anderer junger Regisseure.
| Dunkle Wolke mit Salzstreuer, Foto: Abulkasem |
Es
ist ein kluger Schachzug gewesen vom Schauspiel Köln, die junge
Regisseurin Pınar Karabulut als Assistentin anzustellen. Schon mit
ihrer ersten Inszenierung INVASION! von Jonas Hassen Khemiri,
hagelte es Lob und Anerkennung. Kulturkritiker fanden ihr Debüt
großartig und offensichtlich auch die Jury des Münchner
Theaterfestivals Radikal Jung. So kehrt Karabulut, was auf türkisch
dunkle Wolke bedeutet, zum Heimspiel an den Ort, wo ihre
Theaterkarriere begann, und sorgt für sonniges Wetter. Hier vorab
schon mal ein Interview mit Pınar über die substantielle Bedeutung
von i-Tüpfelchen, Kamikaze-Proben und Identitätszuschreibungen.
Pınar,
nervt es dich eigentlich, dass die Leute hierzulande das stumme ı in
deinem Namen ignorieren und sogar das r an Ende weglassen und dich
manchmal einfach nur noch Pina (wie Pina Bausch) rufen?
Abgesehen
davon, dass ich Pina Bausch toll finde, kommt es immer drauf an. Je
nach dem Grad an Liebe, die ich für die jeweilige Person empfinde,
kann ich drüber hinwegsehen, sogar schmunzeln. Andernfalls folgt stets eine 7 minütige Abhandlung über Interkultur und
Respekt. Das ist harte Aufklärungsarbeit, das ich ehrenamtlich
leiste. Das gute daran ist, dass ich dadurch gelernt habe Vorträge
aus dem Stegreif zu halten.
Das
kommt mir bekannt vor. Die Not hat deine theatralen Sinne geweckt...
Absolut.
Rührt
daher auch die Textauswahl für deine Inszenierung, die jetzt bei
Radikal Jung gezeigt wird.
Ja,
INVASION! verweist auf ähnliche Erfahrungen, die der
Autor Jonas Hassen Khemiri erlebt haben muss.
Worum
geht es in INVASION! ?
Es
ist eine dramatische Abhandlung, das sich mit
Identitätszuschreibungen und -konstruktionen befasst. Mich hat schon
immer die Tatsache beschäftigt, dass Identität einem ständig von
außen zugeschrieben wird. Das kennt ja jeder von uns. In einer
interkulturellen und rassistischen Gesellschaft haben manche
Menschengruppen ganz besondere Erfahrungen damit gesammelt, von
negativen Zuschreibungen bestimmt zu werden, dunkelhäutige
Ausländer, Papierlose, Geflüchtete...
Im
dem Sinne, dass sie in Sprech- und Zuschreibungshandlung involviert
sind, die voller Gewalt sein können...
...ja,
Khemiri hat mal in einem Interview gesagt, dass die Wörter, die man
benutzt, also die eigene Sprache gegen einen verwendet werden kann.
Diese Aussage gewährt schon mal einen Einblick in die Abgründe, die
sich durch Sprache auftun. Sprache scheint mir daher etwas
ambivalentes, mächtiges, konstruktives und destruktives zugleich.
Wie
geht Khemiri in dem Text damit um?
Er
spielt mit der Ambivalenz der Sprache und führt dich damit hinters
Licht. Er nutzt eine ganz einfache Sprache und verhandelt aber ganz
fundamentale Dinge. Er schafft es, mit der Figur Abulkasem das ganze
Repertoire an Zuschreibungen, Vorurteilen, Klischees und
Umdeutungsstrategien zu vermitteln.
Stellt
Abulkasem einen Kanaken dar?
Sagen
wir mal so, Abulkasem ist eine zentrale Figur in dem Stück, die
Fragen aufwirft, Vorstellungen evoziiert, verwirrt, den Spiegel
vorhält, verunsichert und zum Lachen bringt. Anders formuliert: Er
ist das Problem und die Lösung zugleich.
Eine
utopische Figur!
Übertreib
mal deine Rolle nicht, würde Jilet Ayşe jetzt sagen. Aber ja, du
hast recht, da ist was dran.
Hast
du auch mal mit dem Gedanken gespielt etwas klassisches zu
inszenieren, Shakespeare oder so?
Ich
liebe dramatische Texte, von daher liegt Shakespeare nicht so fern.
Aber ich wollte etwas, das mich explizit berechtigt diesen Text zu
inszenieren. Nina Rühmeier, die Dramaturgin, mit der ich
zusammenarbeite, hat mich aufmerksam gemacht auf den Autor Khemiri.
Ich habe dann INVASION! von ihm gelesen und wusste sofort: das ist
es! Es war also Liebe auf den ersten Blick und dann war die Sache
auch schon entschieden.
| Achour und Schlott in der Dolmetscherszene, Foto: Martin Misere |
Und
wie ging es dann weiter?
Hart,
weil die Arbeit an der Inszenierung parallel zu meiner Arbeit als
Regieassistentin am Schauspiel Köln lief.
Das
klingt nach einer 80 Stundenwoche.
So
ungefähr. Der Vorteil ist natürlich, das das im Rahmen der
Werkstücke lief, einem Programm hier am Schauspiel Köln, in dem
Regieassistenten die Möglichkeit haben, selbst zu inszenieren oder
Stücke zu entwickeln. So eine Möglichkeit ist schon was besonderes.
Trotzdem musste ich nebenher zwar viel arbeiten, hatte dafür aber
auch direkten Kontakt zum Ensemble, zur Dramaturgie, Bühne, Kostüme,
Technik.
Das
heisst, die Schauspieler_innen sind alle vom Ensemble?
Mohamed
Achour und Magda Lena Schlott sind vom Ensemble. Nicolas Streit und
Thomas Brandt sind von der Leipziger Hochschule für Musik und
Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy". Im Rahmen einer
Kooperation zwischen dem Schauspiel Köln und der Leipziger
Hochschule haben wir also auch junge Nachwuchsschauspieler am Haus,
die ich für mein Projekt überzeugen konnte.
Wie
lang muss man proben, um bei Radikal Jung auf Anklang zu stoßen?
Wir haben auf Kamikaze-Proben gesetzt, das heisst sehr kurze und intensive Proben. Wir hatten nicht
viel Zeit. Da muss man genau wissen, was man will und jeder muss voll
Bock drauf haben. Das war gottseidank der Fall. Und unter Druck
erzielt man manchmal - nicht immer - ziemlich gute Ergebnisse. An
einem der wenigen Probentage hatte die Bühnentechnik von der Grotte,
in dem wir geprobt haben, die Stühle völlig falsch montiert. Sie
waren alle wie für ein Kino in den Boden geschraubt, so dass wir nur
einen Meter frei hatten, um da zu proben. Zuerst dachte ich, ich Dreh
durch, weil so schnell konnte man diese Bestuhlung ja auch nicht mehr
umändern und wir waren echt unter Zeitdruck. Naja, dann haben wir
eben auf einem 1 Meter breiten Streifen geprobt. Das war dann eine
unserer besten Probe. Da haben wir dann die Szene geknackt.
Ab
jetzt also nur noch auf einem Quadratmeter proben, für beste
Ergebnisse...man ist es ja vom Wohnen auf engstem Raum gewohnt.
42qm zu viert. Standard.
Wann
und wo hatte das Stück denn Premiere?
Das
war am 12. November 2014 in der Grotte in Köln. Das ist eine kleine
aber feine Bühne vom Schauspiel Köln, die aus zusammengesteckten
Containern besteht. Da weht ein bisschen Off-Wind, was ich als sehr
angenehm empfinde.
| Brandt und Streit in IVASION! - Grotte/ Schauspiel Köln, Foto: Martin Misere |
Wird
das Stück auch an anderen Häusern gezeigt?
Ich
habe 30.000 Mails an verschiedene Personen in Theaterhäusern
geschrieben. Rein statistisch müsste es in naher Zukunft etwa 30
Aufführungen geben.
Grandios.
Haben denn die Champagnerflaschen geknallt als du von der Einladung
zu Radikal Jung erfahren hast?
Zu
meinem Erstaunen ist das ist alles sehr unglamourös abgelaufen. Das
Planungsbüro von Schauspiel Köln hatte schon mit der Reiseplanung
für das Gastspiel bei Radikal Jung begonnen, als ich von der Sache
erfuhr. Ich hatte tatsächlich aber noch keine Zeit, auf unsere
Einladung anzustoßen. Champagner gibt's dann in München, besser Kir
Royal!
Es
könnte also sein, das dein Stück erfolgreich verreist und du
hinterherwinkst?
Wäre
mir nicht unrecht. Hauptsache bahnbrechender Erfolg!
Da
muss ich gleich an deine Studien- und Assistenzzeit in München
denken, in der alles seinen Anfang nahm. Errinnerst du dich noch an dein erstes Stück, das du gesehen
hast?
Ich
weiß es noch genau: OTHELLO von Luc Perceval an den Münchner
Kammerspielen. Das hat mich so geflasht. Da wusste ich, du bist hier
richtig in dieser Stadt. In München habe ich zum ersten Mal Formen
von Theater kennengelernt, die mich interessiert haben.
Das
heisst, du warst viel im Theater und wenig im Hörsaal?
Naja,
mein Studium war ja sehr wissenschaftlich orientiert. Aber die Praxis
ist ja auch wichtig. Das habe ich dann über das Assistieren erlernt
und dadurch, dass ich mir viele Stücke angesehen habe.
Was
bringt so ein Studium der Theaterwissenschaften eigentlich für
jemanden, die als Regisseurin arbeiten möchte? Ist das nicht
einfach nur trockene Theorie ?
Zum
Großteil schon, aber ich persönlich möchte es nicht missen. Gerade
in der Geisteswissenschaft wird man sehr streng dazu erzogen, wie man
an Dinge herangeht, wie man recherchiert oder auch wie man Kunst im
Allgemeinen wahrnimmt. Diese Herangehensweise ist eine ganz andere
als am Theater, aber gerade deswegen, eröffnet sich manchmal ein
anderer Blick auf die Dinge.
Du
hast öfter bei der Regisseurin Christine Umpfenbach assistiert. Bei
ihrem Stück "Gleis 11" zur Gastarbeitergeschichte sind
wir uns zum ersten Mal begegnet, gell?
Ja
stimmt. Christine's Theaterprojekte sind eben immer auch
Begegnungsorte, Knotenpunkte oder sagen wir soziale Skulpturen, in
denen unterschiedllichste Menschen zusammenkommen.
Hat
sie dich in deiner Theaterarbeit beeinflusst?
Ich
hoffe doch. Ich mag ihre dokumentarischen Arbeiten sehr. Ich bin
froh, dass ich meine allererste Regieassistenz bei Christine
Umpfenbach machen durfte, weil mir das gezeigt hat, wie man durch
Proben mit Geduld, Empathie und der richtigen Dosierung von Ansagen,
großartige Projekte hervorbringen kann. Als Christine nach Köln
gekommen ist, um sich INVASION! anzusehen und ihr der Abend gefiel,
war das das größte Lob.
Und
das größte Glücke wäre im Maxim-Gorki unter der Intendanz von
Şermin Langhoff und Jens Hillje zu inszenieren, stimmt's?
Şermin
Langhoff hat mit dem gegenwärtigen Maxim-Gorki-Theater eine Utopie
verwirklicht, in der ich mich nur allzu gern aufhalten würde. Allein
schon die Zusammensetzung vom Ensemble ist super.
International
ist mittlerweile aber auch das Ensemble anderer Theaterhäuser...
...ja, aber wenn wir ehrlich sind,
ist da nur eine ganz bestimmte Kategorie an Ausländern vertreten:
Belgier, Holländer, Schweizer, sogar Südafrikaner (!), aber weisse
natürlich. Im Maxim-Gorki sieht man Schwarzköpfe und genau das
finde ich gut. Und Şermin Langhoff ist mit Abstand die coolste
Intendantin, weil sie es als Kanakin und Frau an diese Position
gebracht hat. Sie ist Godmother of Theater, ganz klar.
Ve
ledalin amin.
blockupy nachtrag
Demonstrieren
ja,
Gewalt
nein,
also
gewaltfrei demonstrieren,
Gewalt
nein, frei ja.
Frei
unbedingt sogar,
freie
Demokratie und so,
freie
Meinungsäußerung und so,
Freiheit
eben,
weisst
schon,
Kein
Kopftuch,
kein
Unterdrückung,
sondern
beinfrei,
bauchfrei,
oben
ohne,
halb
nackt,
alles
frei,
und
ja keine Tücher,
ja
keine Tücher im Gesicht!!!
Eingestellt von
tunay önder
Von der Kunst des politisch korrekten Rassismus
![]() |
| Titelblatt der Berliner Zeitung vom 8.Januar 2015 |
Die Berliner Zeitung hat am 8. Januar auf ihrem Titelblatt aus Versehen
eine antisemitische Karikatur veröffentlicht. Das tut den Blattmachern sehr
leid - denn eigentlich wollten sie bloß islamophobe Karikaturen
veröffentlichen. Dieser Irrtum lässt tief blicken in die ideologischen
Mechanismen einer Gesellschaft, in der Antisemitismus selbstverständlich
geächtet, antimuslimischer Rassismus aber unter dem Deckmantel der
Meinungsfreiheit noch immer zum guten Ton gehört.
Eingestellt von
Imad Mustafa
Vom „Kalifat“ in den 11. Pariser Bezirk: Die Rückkehr des Krieges
von Hannes Hofbauer*
Was
schwirren nicht für Ansätze zur Erklärung des schrecklichen Attentats gegen die
Redaktion des französischen Satireblattes „Charlie Hebdo“ durch die Medien! Die
unterstellten Motive reichen von religiösem Fanatismus über verletzte
Gottesfurcht bis zur gerächten Prophetenlästerung. Im Zentrum der
Aufmerksamkeit stehen dabei die Mohammed-Karikaturen, die das Wochenblatt seit
Jahren publiziert und damit seinen anti-religiösen Charakter unterstreicht. Diese
Karikaturen sollen radikale Muslime zur Untat provoziert haben, die mit ihnen
einhergehende Ehrverletzung des Propheten Mohammed sei gerächt worden, wie es
einer der Mörder laut Zeugin in perfektem Französisch gerufen habe. Für eine
oberflächliche Betrachtung mag eine solche Analyse ausreichen, Hintergründe der
Tat werden damit allerdings nicht erhellt.
Eingestellt von
Imad Mustafa
Vom Gastarbeiterkind zum Reiseadel
Eingestellt von
tunay önder
Labels:
Apartheid,
Kapstadt,
Kolonialismus,
Priviliegien,
Tourismus
Özgida gegen Pegida
| mit özgida gegen pegida |
In wenigen Stunden wird München die passende Antwort auf den Pegida-Spackoauflauf in Dresden geben! Der Münchner Kaufhausdieb PICO BE hat das vor einigen Tagen schon getan und wir können dem absolut nichts mehr hinzufügen. Lest seine Gedanken und zeigt morgen, dass ihr das genauso seht!
>> Some thoughts on those PEGIDA retards:
Eines aber schafft
dieser Aufstand dann doch am Ende des Tages: Klare Verhältnisse. Denn
diese Leute sind ja nicht erst seit gestern so beknackt, sondern
mindestens seit vorgestern, aller Wahrscheinlichkeit nach sind sie sogar
schon so aufgewachsen und seit jeher sozialisiert: in Binnenländlicher
Beschränktheit, in Neid, Missgunst und Misstrauen, mit vorsätzlichem
Desinteresse am Menschsein, mit fataler Bildung, desaströsen
Informationen und progressiver
Uninformiertheit. Vor allem: ohne Liebe, ohne Humor. Sicher auch ohne
Rock'n'Roll. Im Grunde aber ist es mir Schnuppe, aus was für einem
beschissenen Haushalt diese Armee altbackener Spießer, neokonservativer
Burschenschaftler, ex Stalinisten, strammer Faschisten, Polizisten, von
der Bildzeitung Enttäuschten, Puritanern und Anti Hedonisten denn nun
kommt. Jetzt sind sie alle in Xenophobie und Rassismus vereint. Sollen
sie sich nur weiter outen. Dann können wir klare Grenzen ziehen. Das ist
besser als ein bemühtes Pseudo Miteinander. Ich will nicht weiter in
einem Haushalt mit diesen asozialen lernunfähigen Leitkultur-Deutschen
leben müssen. Ich wünsche mir noch viel viel klarere Verhältnisse. Am
Besten eine Zweistaatenregelung! Wir könnten das deutsche Ausland und
das Inland gründen. Im Ausland wäre ich für meinen Teil sehr gern zu
Haus. Sorgen wir am Montag in München für noch mehr Klarheit: 10.000 und mehr gegen Pegida, bitte!
Or, like that old BOEING slogan would put it: "Forever new frontiers!" <<
Eingestellt von
tunay önder
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