Wie Christlich ist unsere Gesellschaft? Ein Buch von Birgit Rommelspacher

Bücherempfehlung


Liebe Bücherwürmer und Leseratten des Migrantenstadl,



heute sei ein Buch empfohlen, das aus der Feder von  Prof. Dr. Birgit Rommelspacher stammt, und nach ihrem frühen Tod (2015) posthum veröffentlicht wurde. Ihre ehemaligen Studierenden schreiben über Birgit Rommelspacher, dass "ihre Analysen, Gedanken und Anregungen breite Wirkung" entalteten, und ihre "mutige Auseinandersetzung mit Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnissen, ihre Pionierarbeit zu Sexismus, Antisemitismus, Rassismus, Antiislamismus und Rechtsextremismus" wegweisend gewesen sind.

So wundert es kaum, dass sie es war, die den Begriff "Dominanzkultur" geprägt hat. Ohne diesen Begriff wäre der Diskurs über die  Postmigrantische Gesellschaft und Dekolonisierung gar nicht mehr denkbar. Und mit ihren Beobachtungen zu antimuslimischen Tendenzen in der Frauenbewegung scheint Frau Rommelspacher ebenso einen wichtigen Nerv unserer Zeit getroffen zu haben. 

Buchempfehlung: Allianzen


Liebe Freundinnen des Migrantenstadl,
das Buch Allianzen, herausgegeben von Elisa Liepsch und Julian Warner, ist eines dieser Bücher, von dem anzunehmen ist, dass sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in den Regalen von Dramaturginnen, Künstlerinnen, Kuratorinnen sowie kritischen Kulturarbeiterinnen anzutreffen sein wird.  "Allianz",  vor einigen Jahren von Mark Terkessidis noch unter dem Begriff "Kollaboration" gefasst, wird in diesem Sammelband zwar nicht direkt als Lösungsformel beschrieben, aber als Bedingung für eine solidarische Kulturinstitution vorausgesetzt. Natürlich geht es in dem Sammelband um vielmehr als um bloße Allianzen zwischen dominanten und marginalisierten Perspektiven und Positionen: Es geht um Infragestellung der Dominanzkultur, die von verschiedenen Autor*innen umschrieben wird. Sehr anschaulich in dem Beitrag der Theatermacherin Anta Helene Recke. Darin erläutert sie am Beispiel einiger Theaterstücke, die sie an den Münchner Kammerspielen als Regie-Assistentin begleitete, wie sich Rassismus manifestiert, nämlich subtil, ohne ein direktes Motiv der Anfeindung, Agression oder Abwertung, sondern dadurch, dass bei der Produktion routinemässig Bilder und Figuren geschaffen werden, die zwar von einem weißen Publikum eindeutig und unproblematisch rezipiert werden, von einem schwarzen Publikum hingegen als irritierend und verletzend aufgefasst werden können. Ein wirklich erhellender Beitrag, der ohne anzuklagen, sachlich und klar analysiert und das Problem artikuliert. Ein weiterer zentrale Punkt, der für Verwirrung sorgt, wird in dem Beitrag von der Theatermacherin Simone Dede Ayivi genannt, nämlich die Tatsache, dass Internationalität gerne und gemeinhin mit Interkultur verwechselt oder letzteres gar absichtlich mit ersterem ersetzt wird. In diese Falle ist sicher schon jede x-beliebige Kunst- und Kultureinrichtung der Bundesrepublik gefallen. Während es hip ist International zu sein, erfordert ein Interkulturelles Programm den Austausch mit den verschiedenen Kulturen im eigenen Dunstkreis, - und ist daher eher mit harter Auseinandersetzung, Infragestellung eigener Privilegien und Routinen verbunden, und daher eher unbeliebt für die Glanz-und-Glamour-suchende Kunstwelt. Neben den vielen Beiträgen, die ausnahmslos alle lesenswert sind, sei an dieser Stelle noch den Text von Fannie Sosa erwähnt. Es handelt sich um einen Guide, also ein sehr hilfreichen Leitfaden für Veranstalter*innen aller Sparten, in dem die Autorin systematisch runterdekliniert, worauf bei der Einladung und Betreuung von Gästen aus anderen Teilen der Welt zu achten ist. Seien es kleine Gesten, Details, rassismussensibles Wissen über Hürden, mit denen Menschen aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft, Hautfarbe, Aussehen oder Lebensweise zu kämpfen haben. Es wäre definitiv ein Segen, würde dieser Guide, und mit ihm das gesamte Wissen in dem Sammelband sich ins Bewusstsein von Veranstalter*innen festsetzen.
Das Migrantenstadl empfiehlt das Buch zu kaufen und in die Praxis umzusetzen. 

Allianzen
Kritische Praxis in weißen Institutionen
2018, Transcript Verlag
ISBN: 978-3-8394-4340-8
17,99 Euro

Inhaltsverzeichnis und Leseprobe sind auf der Transcript Seite, hier klicken, einsehbar.

KEIN SCHÖNER ARCHIV SPEZIAL

Kein Schöner Archiv (Nuray Demir & Michi Annoff)

Studio Ö präsentiert: Kein schöner Archiv Spezial
Michael und Nuray packen aus!


Ein performativer Abend mit Michael Annoff, Nuray Demir und Gürsoy Doğtaş

İn der dritten Ausgabe von Studio Ö wird ausgepackt: Seit diesem Jahr arbeiten Michael Annoff und Nuray Demir an einem Archiv für das immaterielle Erbe der postmigrantischen Gesellschaft. Dieses Erbe lebt von der Wiederholung und Weitergabe lebendiger Kultur. Es lässt sich nicht einfach in einen Schaukasten sperren. Insbesondere nicht in einem Archiv, das sich für die Geschichten der Einwanderungsgesellschaft interessiert. In ihren ersten Versuchen im Friedrichshain-Kreuzberg Museum in Berlin haben die beiden Kurator*innen ein Paket geschnürt, das sie nun in München abliefern. Im Studio Ö werden sie das Geheimnis des Archivs enthüllen. Lieferdienst: Michael Annoff und Nuray Demir. Paketannahme: Gürsoy Doğtaş

Buchempfehlung: Postkoloniale Politikwissenschaft

 

Liebe Freunde, es kommt nicht oft vor, aber hin und wieder, muss es sein: Ohne das Buch komplett gelesen zu haben, möchte ich das Buch POSTKOLONIALE POLITIKWISSENSCHAFT wärmstens empfehlen. Allein das Line-Up der Beitragenden lässt das Herz höher schlagen.

Deutschstunde

Filmstill aus "Hababam Sınıfı" (Die Chaotische Klasse), 1975, Film von Ertem Eğilmez nach dem Roman von Rıfat Ilgaz


DEUTSCHSTUNDE. Eine Audiovisuelle Lecture

Unsere Eltern sind in den 60er Jahren nach Deutschland immigriert, um zu arbeiten. Sich in die Gesellschaft einzuschreiben und mitzusprechen, haben sie ihren Kindern überlassen. Und diese Aufgabe ist mindestens genauso hart wie 50 Jahre Fabrikarbeit.  

Um in der Gesellschaft anzukommen, mussten wir die Reise unserer Eltern nach Almanya mit einer langen, langen Bildungsreise quer durch das deutsche Schul- und Bildungssystem fortsetzen. Um mitzusprechen, bedarf es neben dem Beherrschen der deutschen Sprache vor allem performativer Fähigkeiten und Kenntnisse der sozialen Grammatik. Wie beuge ich ein Substantiv? Wie beuge ich mich der Dominanzgesellschaft? Diese und weitere Fragen handeln in der Deutschstunde ab.

Aus Mitschrieben, Notizen, Arbeitsblättern, Audio- und Videomaterialen haben wir unsere ganz persönliche Deutschstunde collagiert, in der es uns um alles und nichts geht: 
Um Sprechwelten und Sprachregime in der Migrationsgesellschaft, um den feinen Zusammenhang von Klassenzimmer und Klassenkampf, um die Frage, warum ein Wort wie "Dönermorde" so lange unbemerkt durch die deutsche Medienlandschaft wabern kann, wie sich das Wort "Integration" ordentlich beugen lässt und darum, wie sich postmigrantische Perspektiven trotz der widrigen Zustände ins kollektive Gedächtnis einschreiben können.

Mit einer Fülle von Arbeits- und Übungsblättern, Anschauungsmaterial und audiovisuellen Inputs sowie substantiellen Monologen bietet die Deutschstunde ein Forum für alle, die Deutschland neu deklinieren wollen.  
Nix versteyn, nach Hause geyn! 


DEUTSCHSTUNDE. Eine Audiovisuelle Lecture 
 
Mit: Tunay Önder, Tuğba Önder. Audio/Video: Anton Kaun
 Dramaturgische Beratung: VeronikaMaurer

Zeit: 30.12.2018 um 16 Uhr
Ort: şk, Schrenkstraße 8, München  

Mit Unterstützung von Kunstraum Lothringer13/Florida 

CLINCH Festival in Hannover




Das CLINCH Festival jetzt zum zweiten Mal! Es warten 4 wundervolle Tage auf alle Anwesenden mit unterschiedliche Formaten, Lesungen, Debatten, Performances, Workshops, Auseinandersetzungen, aktivistischen Interventionen und theoretischen Erkenntnissen im Kontext [post]migrantischer und postkolonialer Perspektiven. Werft einen Blick ins Festival-Programm und lasst euch beeindrucken von dem, was die Macherinnen des Festivals -  Miriam Soufi Siavash, Melanie Micudaj und Tini Santo - da alles an schillernden Denkerinnen und Künstlerinnen aufgefahren haben! Zwischem dem 1.11. und dem 4.11. gilt daher: Der  absolute Hotspot befindet sich im Pavillion Hannover direkt hinter dem Hauptbahnhof (Das sind eh immer die besten Orte!). Aber auch an jene, die nicht dazustoßen können, wurde gedacht: Zusammen mit der wunderbaren Nadia Shehadeh von Shehadistan werde ich, Tunay Ö., vier Tage lang auf dem CLINCH-Blog bloggen, bloggen, bloggen und einen Einblick in das Festival aus nächster Nähe geben. Und wer weiß, vielleicht gibt es auch den ein oder anderen CLINCH-Klatsch! Also kommt rum oder klickt euch ein! Es wird Hammer. So oder so.

TRIBUNAL IN MANNHEIM




MMMMM  "WIR MÜSSEN REDEN HADI!"
TRBNL IN MANNHEIM: 22. BIS 25. NOV 2018

 

Nach dem Tribunal ist vor dem Tribunal.
Wir wollen aus der Erfahrung des Tribunals heraus dessen Perspektive weiter bearbeiten, weiter tragen und weiter entwickeln. Ein Tribunal stellt auf diesem Weg einen eigenen zivilgesellschaftlichen Prozess dar. Starke Positionen jenseits zugewiesener Statist*innen Rollen!

Vom 22. bis 25. November 2018 werden die Geschichten der Betroffenen von rassistischer Gewalt werden auch in Baden-Württemberg erzählt und unsere Anklage gegen strukturellen Rassismus weiter geschrieben. 
Also kommt nach MAÑNĤĘÏM!    
                                                                                                                       
Mit u.a.:
Eröffnung in Gedenken an Yeliz Arslan, Ayşe Yılmaz, Bahide Arslan
Realitäten von Vertragsarbeiter*innen, Gastarbeiter*innen, Alltag und Streiks
"Wir holen uns unser Recht zurück" - Entstehung der Bürgerrechtsbewegung der    Sinti und Roma
"Vom Mauerfall bis zur Nagelbombe" - Can Candan und Ibrahim Arslan
Film "Duvalar - Mauern - Walls"
Betroffene ergreifen das Wort
"Fremd im eigenen Land" - Vom Gastarbeiter zum Gangster-Rapper. HipHop, Migration und Empowerment. Gespräche zwischen den Generationen

migrantenstadl boxt sich durch - Wiesbaden Biennale

Die ästhetische Dimension von Boxen ist total unterschätzt. Isso!
 Die Wiesbaden Biennale 2018 fand diesmal unter dem Motto BAD NEWS statt. Da durfte das Migrantenstadl natürlich nicht fehlen! Wir haben die Theaterspielstätte Wartburg mit allen Mitteln der Kunst und Kommunikationskultur besetzt. Neben gehobenen Gesprächen wurden Boxkämpfe augetragen. Es gab gebrochene Nasen, Kaviar, Donnerstagspredigt, Rap. Wir haben uns mit unserer Meinung verewigt, und parallel dazu nahmen die Dinge ihren Lauf - um es in den Worten von Celo&Abdi zu sagen.


Eines der absoluten Höhepunkte berscherrte uns die Boxgala des Wiesbadener Golden Boxing Gym und Rachid El Bakri:

Team El Bakri & Wiesbaden Golden Box Gym. Einfach nur Hammer!
Golden Boxing Gym gehören zu den erfolgreichsten Vereinen der deutschen Boxszene: Hier trainieren Deutsche Meister genauso wie die Nachwuchsstars aus dem Westend.  Für einen Abend verwandelten sie das Migrantenstadl in eine Boxarena der Extraklasse. Spektakuläre Kämpfe im gediegenen Ambiente des historischen - und vollkommen überfüllten - Ballsaals.

Volles Programm: Boxer, Schieri, Punktezähler, Vereinspräsidenten, alles, was das Herz begehrt!

Chabos und Babos: machen den Germans Angst.
Wer migrantenstadl sagt muss auch German Angst sagen, denn kein Feindbild wird derzeit sorgfältiger ausschraffiert als der männliche, muslimische Migrant: Er ist die perfekte Projektionsfläche für rassistische, klassistische und antimuslimische Ressentiments über nahezu alle politischen Lager hinweg. Grund genug für das migrantenstadl das Ballhaus komplett mit einem Boxclub zu besetzen. Warum auch sollten weiße Schnösel wie Sarrazin&Co Literaturhäuser füllen, während Boxer und Shisha-Raucher in den Hinterhäuser verbleiben?


Fouad Sinouh (Boxmeister), Tunay Önder (Wortboxerin), Tamer Düzyol (Boxershorts-Träger), Kirsten Neumann (Boxanalystin)
Vor dem Boxkampf diskutierten Boxer und Denker über neonazistische Anschläge und das Erstarken rechter Ideologien: Sie sind die extremste Variante einer Einstellung, deren abgeschwächte und strukturelle Form Betroffene aus ihrem alltäglichen Leben kennen. Nicht umsonst formierte sich in den 90ern die Antifaşist (Antifa) Gençlik, die aus migrantischer Vereinskultur und Jugendbanden heraus entstand. Angesichts gegenwärtiger Zustände stellt sich die Frage dringender denn je: Wie wollen wir mit der Parallelgesellschaft der Neuen Radikalen Rechten umgehen? Sollten wir etwa mehr ins Boxen und Selbstverteidigungskurse investieren statt in Bildung?  

Faust gegen Rechts, Fragezeichen.