Buch der Woche: Gespräche über Rassismus




Eine Rezension von Tunay Önder
So meine Damen und Herren, es gibt wieder Lesestoff. Will sagen, ein Buch, das es zu lesen lohnt, frisch aus der Druckerei und vor allem voller frischer, erhebender Gedanken. Nachdem meine Rezension nicht in der Süddeutschen erscheinen wird, sag ichs mal ganz unverblümt: Hier sprechen Kanacken über Dinge, die sie selbst - aber nicht nur sie selbst - substantiell betreffen und interessieren, aus einer dezidiert postmigrantischen Perspektive, ohne sich dem Integrationsparadigma zu unterwerfen und vor allem ohne Rücksicht auf die herrschenden Normen des deutschen, öffentlichen Diskurses. Das tut dermaßen gut, man könnte meinen, die mobilisierende Macht der Worte in den Muskeln zu spüren! Ich übertreibe, aber es ist wahr. 
Die Produktion dieses Buches und die ganze Aufmachung kommen so bescheiden daher und stehen in so krassem Gegensatz zu dem, was drin steht, dass man sich fragt, ob das System hat. Es ist das erste Buch des Verlegers Koray Günay. Auf seiner Verlagshompage behauptet er, den Verlag als eine Art Hobby zu betreiben und entschuldigt sich dafür, aufgrund seines Türkeiurlaubs die nächsten sechs Monate schwer erreichbar zu sein. Interessanter Ansatz. Klingt nach: minimal move, maximal groove. Da wünscht man sich, alle Verleger_innen dieser Welt würden nur hobbymäßig ihrer Arbeit nachgehen.
          Kommen wir zu den Details! Gespräche über Rassismus heißt der Titel des Buches. Und das führt auch schon zur ersten Überraschung, denn obgleich der Inhalt tatsächlich aus einer Niederschrift von Gesprächen und Interviews besteht, wird ziemlich schnell klar, dass hier keine einfachen Gespräche geführt werden, sondern Interviewtexte abgedruckt sind mit Hard Facts und wissenschaftlichem Anspruch. Das bestätigt in ausgezeichneter Weise die Annahme, dass das Gedankengut anderer nicht allein über die Lektüre ihrer Fachtexte zugänglich ist, sondern sich in vollem Umfang erst durch gute Interviews und Gespräche erschließt, in denen man in dialogischer Form etwas über die Biographie und Aktivitäten der Autor_innen erfährt.
         Ob das nun tatsächlich die Motivation der beiden Herausgeber Zülfükar Çetin und Savaş Taş für diese Form der Publikation war, weiß ich nicht, jedoch deutet einiges darauf hin. Die beiden Herren scheinen ihre bisherigen geistigen Auseinandersetzungen darauf verwendet zu haben, einen kritischen Habitus auszubilden. Anders kann ich mir deren Promotionsprozess zum Thema Ideologie des türkischen Staates oder Homophobie und Islamophobie nicht vorstellen. Zudem scheint sich an der Alice-Solomon-Hochschule (ASH), an der beide lehren und forschen, mittlerweile ein bemerkenswertes Netzwerk etabliert zu haben, zumal etliche Gesprächspartner_innen im Buch hier angedockt sind wie zum Beispiel Professorinnen wie Iman Attia und María do Mar Castro Varela oder Wissenschaftler_innen wie Halil Can oder Yasemin Shooman. Auf rund 220 Seiten und 17 Beiträgen werden sämtliche aktuelle Aspekte des Rassismus verhandelt: Von Antiziganismus, antimuslischem Rassismus bis hin zum intersektionalen Rassismus und dessen Zusammenhang mit Ökonomie, Kapitalismus und Klassismus. Hochaktuell und spannend ist der mit zahlreichen Photos versehene Beitrag von Ayşe Güleç zur Bild- und Raumpolitik im Zusammenhang mit den NSU-Mordfällen. Auf den Aufnahmen sieht man vor allem Bilder, die vom Widerstand gegen Rassismus zeugen: Der Halit-Platz in Kassel, die Straßenumbenennung der Holländischen Straße in die Halit-Yozgat-Straße, die Kasseler Massendemonstrationen "Kein 10. Opfer", die Reden und Ansprachen des Vaters und dessen öffentlicher Aufruf zur Demo.
             Die Texte vereinen, trotz ihres Wesens als geschriebenes Wort, Theorie und Praxis; sie schaffen - zumindest teilweise - Platz für neue, andere, alternative Narrationen und Perspektiven auf ein und dieselbe Welt und deren Geschehnisse.
Nehmen wir ein Beispiel. Das beste Beispiel. Anna-Esther Younes im Gespräch mit Zülfükar Çetin. Betitelt ist das Gespräch mit Die Anderen der Anderen - Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus in Deutschland heute. Wer die junge Frau Younes schon mal hat sprechen sehen, wird ihre Stimme beim Lesen in den Ohren widerklingen hören. Scharfsinnig, kompromisslos und entschieden. Diese Power ist unerlässlich, denn es geht um ein Thema, dessen Definitionsmacht die Deutschen meinen auf ewig gepachtet zu haben: Antisemitismus und - Achtung Minenfeld! - Israelkritik. Wen es schon immer genervt hat, dass man sich als Einwandererkind aus den ehemals osmanischen Gebieten in Deutschland nun die historische Schuld aufbürden und die kolonialen Projekte der Deutschen gutheißen muss, wird dieser Beitrag besonders erfreuen, weil er andere Pespektiven aufzeigt. Hier werden Zusammenhänge sichtbar gemacht und öffentliche Diskurse in einem größeren, historischen Kontext betrachtet. Das ist sehr erhellend. Man erinnere sich an die Antikriegsdemos im Sommer 2014 gegen den Gazakrieg, die hauptsächlich von Palästinenser_innen und Türkeistämmigen initiiert und anschließend von den mehrheitsdeutschen Medien als antisemitisch disqualifiziert wurden, - während im Hintergrund die Figur des Muslims als "nicht-integrierbar" durch mediale und politische Diskurse und Maßnahmen stetig weitergezeichnet wurde und wird. Kurzum: Man wirft einer Gruppe Antisemitismus vor, ist aber selbst hochgradig rassistisch. Anna-Esther Younes schafft es auch, die gegenwärtigen Reste der deutschen Ideologie der rassischen Überlegenheit aufzuzeigen, wenn etwa partikulare Erfahrungen zu einer universellen Menschheitserfahrung erhoben werden, wie es in Deutschland der Fall ist. Wobei man sich mit den Worten von Younes fragt: Warum die Genozide an den Herero, Nama und Maji-Maji nicht zu einer Generalerfahrung Deutschlands oder der Menschheit werden konnten? Hier wird mehr als deutlich, was es heißt, in einem Einwanderungsland als Kind von Einwanderen geboren zu sein, hier zu leben und nur eine Geschichte zu kennen, die vermeintlich zählt: die deutsch-deutsche (Schuld-)Geschichte. Daher bleibt perspektivisch tatsächlich nur eines zu klären, nämlich wie man einen Universalismus des Antirassismus schaffen kann, ohne andere Erfahrungen zu marginalisieren oder zum Schweigen zu bringen. Das Buch "Gespräche über Rassimus. Perspektiven & Widerstände" trägt mit Sicherheit seinen Teil dazu bei.

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Gespräche über Rassismus. Perspektiven & Widerstände. Herausgegeben von Zülfükar Çetin und Savaş Taş. Erschienen im Verlag Yılmaz Günay, 224 Seiten, 15 Euro, ISBN: 978-3-9817227-1-0, Bestellung direkt beim Verlag.



 

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