The Free Market Road Show Istanbul




CALL IT COOL ISTANBUL: The Free Market Road Show Istanbul

Das Forschungsprojekt Cool Istanbul, das seit 2008 unter der Leitung von Dr. Derya Özkan den Imagewandel Istanbuls hin zu einer coolen Stadt untersucht, zeigt seit Mai 2014 die Ergebnisse in einer Interdisziplinäres Ausstellung. Ein Teil der Schau besteht aus der Arbeit von Manuela Unverdorben und Ralf Homann vom BTTP, dem Better Think Tank Projekt. Mit dem BTTP haben beide Künstler_innen eine Methode entwickelt, sich auf forschungsbasierte Weise mit Gesellschaften auseinanderzusetzen und die jeweiligen politischen Systeme zu analysieren. Was das alles zu bedeuten hat und was die beiden Querdenker_innen in Istanbul getrieben haben, könnt ihr im folgenden Interview lesen.

Wenn man sich die BTTP Website ansieht, bekommt man den Eindruck als wäre man bei einer dieser furztrockenen Consulting Firmen gelandet, bei denen einem immer so inhaltsleere Phrasen entgegenschlagen, die dann meistens noch untermauert sind mit hässlichen Diagrammen und Graphiken. Könntest du kurz erklären, warum euere Ästhetik so grässlich sein muss?
Ralf: Ja klar, weil das, womit wir uns befassen so grässlich ist. Wir zeichnen eben nach der Natur (lacht). Unser The Better Think Tank Projekt bezieht sich auf den traditionellen Begriff des Think Tank (zu deutsch: Denkfarbrik), der während des Zweiten Weltkriegs entstand. Tank deutet auf einen abhörsicheren Ort hin, wo zivile und militärische Experten an militärischen Strategien arbeiteten (think). Heute sind die Think Tanks meistens öffentliche oder private Institute, die bestimmte politische, soziale und wirtschaftliche Konzepte bewerben und Einfluss nehmen auf die Öffentliche Meinung. 
 Die Crux ist, dass sich diese Think Tanks nach außen oftmals neutral und wissenschaftlich-objektiv geben, gleichzeitig aber eine bestimmte politische oder ideologische Linie vertreten und durch ihre vermeintlich neutralen Forschungen versuchen, die politischen Debatten zu beeinflussen. 
Mit unserem The Better Think Tank Projekt BTTP versuchen wir nun seit knapp 10 Jahren immer wieder die Vernebelungstaktiken von vermeintlich neutralen Think Tanks künstlerisch zu erforschen und ästhetisch herauszuarbeiten.

Kannst du ein Beispiel geben?
Ralf: Ein gutes Beispiel ist unser „Liberty Café“. Darunter versteht man in Washingtoner Think Tank Kreisen eine informelle und lockere Zusammenkunft von Entscheidungsträgern, Meinungsführern und jungen, frischen, Nachwuchskräften am Beginn ihrer vielversprechenden marktradikalen Lobby-Karriere. 
Dieses „Liberty Cafe“ haben wir für den Ausstellungsraum Glasmoog der Kunsthochschule für Medien in Köln nachgebaut. Jedoch auf die marktradikalen Kräfte verzichtet und als key note speaker u.a. den Kölner Theoretiker Detlef Hartmann eingeladen, der die amerikanische Szene der Think Tanks schon seit seiner Zeit in Berkeley kennt. Hartmann berichtete von einem Streik eines Catering-Unternehmens in Düsseldorf, bei dem zur Lösung McKinsey angerufen wurde. Die ganzen hochgeschulten Leute von McKinsey strömten ins Unternehmen und taten gegenüber den Arbeitnehmern einen auf Kumpel und behaupteten ernsthaft, die Arbeitssituation zur Zufriedenheit aller wieder ins Laufen bringen zu wollen. 

 
Das heisst, McKinsey hat so hilfsbereit gegenüber den Arbeitnehmern getan, obwohl es von dem Unternehmen bezahlt wurde und hat dann versucht ihre Forschungsergebnisse und Empfehlungen als neutral an die Mitarbeiter zu verklickern.
Ralf: Also Detlef Hartmann hat in seinem Buch darüber geschrieben und das in unserer BTTP-Ausstellung zusammengefasst. Wenn ich mal Detlef zitieren darf: McKinsey ist eine gigantische Krake, die weltweit Industriemanagement und Inustriearbeitsorgansiation voranbringt. 80 deutsche Unternehmen hängen an McKinsey, unter anderem auch VW in Wolfsburg. Und McKinsey hat damals zusammen mit VW, also Hartz ein regionales Umstrukturierungsprogramm entwickelt, und die Hartz IV Gesetze sind im Grunde nur ein Ausschnitt daraus. Also Industrieentwicklung. McKinsey ist im Grunde ein riesen Landesentwickler, der viele Think Tank Aufgaben wahrnimmt.


Da möchte man fast zu mehr ziviler Militanz aufrufen statt zäher Streiks...
Manuela: Naja, wir glauben daran, dass wir am besten durch künstlerische Interventionen wie dem Better Think Tank Projekt solchen Think Tank Systemen – wir sprechen von Wissensnarrativen – etwas entgegensetzen können. Im Mittelpunkt unserer künstlerischen Forschung stehen auch weniger die big player der Beratungsindustrie wie McKinsey oder Bertelsmann, deshalb hatten wir ja Detlef Hartmann und einen Vertreter von Lobby Control in die Kölner Ausstellung eingeladen, die da firmer sind. 
Ralf: Wir konzentrieren uns stärker auf wenig bekannte internationale Think-Tank-Netzwerke, die die ideologischen Ziele von von Hayek verfolgen. Dieser spätere Ökonomie-Nobelpreisträger Friedrich von Hayek hatte bereits in den 60ern die Strategie ausgegeben, keine marktradikalen Parteien zu gründen, sondern unter der Tarnung von Wissensproduktion Politik und öffentliche Meinung zu beeinflussen. Heute werden seine Ideengebilde oft unter dem Begriff „Neoliberalismus“ genannt, was so nicht wirklich stimmt. Eigentlich ist von Hayek ein Paläo-Liberalist, sein Ziel die Auflösung, Verhinderung oder zumindest Diskreditierung kollektiver Verfahrensweisen. Manche kennen das auch unter Thatcherismus. Neoliberalismus meint in seiner heutigen Bedeutung eher die Übernahme solcher marktradikalen Ideen in die Sozialdemokratie, zum Beispiel durch Blair. Damit wird eine bestimmte ökonomische Theorie „alternativlos“, was ja auch ein geflügeltes Wort in dieser Szene ist.

Warum muss man bei Forschungen von Think Tanks vorsichtig sein?
Ralf: Es geht darum, eine klare Vorstellung davon zu haben, wie vielfältig die Welt von diesen Denkfabriken und Institutionen ist, welche Mechanismen es gibt, mit denen bestimmte Ideen eingespeist werden. Wir leben in einer wissensbasierten Welt und damit wird Wissen selbst zum Steuerungsinstrument. Da gehts nicht nur Kompetenzen, Know How, sondern auch Wissensdesign. 
Deshalb muss man genau hinsehen und nachfragen: Wer hat das eigentlich finanziert? Was war genau die Aufgabenstellung einer Studie. Die meisten Think Tanks beschäftigen ja selbst keine Wissenschaftler_innen, die ihre Methoden offen legen, sondern vergeben Aufträge. Wobei die Auftragsvergabe im Grundsatz so erfolgt, dass das Ergebnis schon mitbestellt ist. Es geht also nicht um die Erweiterung oder Vertiefung von Wissen, sondern um eine bestimmte Erzählung, die diesem Wissen eingeschrieben ist oder durch dieses Wissen erfolgt. 
Manuela: Sätze wie zum Beispiel "Nur der freie Markt kann etwas richten, der Mensch handelt und ist ökonomisch, Staatsschulden sind schlecht, private Schulden gut, jeder ist seines Glückes Schmied". Das wären jetzt so klassische Propagandastücke. Die Sachen werden aber teilweise so kompliziert, dass sie selbst auf den zweiten Blick nicht auffallen. 
Im Kern vernutzen Think Tank das Renomée, die Glaubwürdigkeit oder die Credibility von Wissenschaft für ihre Propaganda und können gleichzeitig über die Politik und Politiker_innen schimpfen, weil sie ja nicht als solche auftreten, sondern sich hinter Expertise verstecken.

Wie sehen so mögliche Verschleierungsversuche aus?
Ralf: Viele seriöse Forschungsinstitute – die mensch auch wissenschaftlich kritisieren und politisch einordnen kann – haben oftmals Tochterfirmen, die dann wiederum Auftragsforschung machen, um Drittmittel einzunehmen. Dabei wird aus dem Namen des Forschungsinstituts Kapital schlagen. Da muss man dann tatsächlich gucken, ob das jetzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) oder die IW Consult ist, also die Tochterfirma, die dann Auftragsforschung macht. Und wenn es die IW Consult ist, dann muss es einen Auftraggeber geben, und wenn das nicht klar und deutlich genannt wird, dann sollte man das Papier in die Tonne klopfen. 

Manuela: Eines unserer ästhetischen Lieblingsobjekte in Brüssel – das Center for the New Europe - verschwand zum Beispiel, samt seiner Denkerei, nachdem die beiden Finanziers aus der Mineralölindustrie und der Pharmazie sich zurückgezogen haben. Wir können nur vermuten, entweder weil der Auftrag erfüllt war, oder weil die Hauptveranstaltung des Centers, der jährliche Brüsseler „Capitalist Ball“ - eine Feier des Kapitalismus und der Zitat „Giganten Reagan, von Hayek und Goethe“ in der Bankenkrise das falsche Profil war. Oder wir haben uns mal den Spaß gemacht, herauszukriegen, welche Firma tatsächlich für den behaupteten Naturschutz und die ökologische Nachhaltigkeit bei einem Bauprojekt am persischen Golf verantwortlich ist. Am Ende landeten wir bei einer Werbeagentur in London. Also hier geht es um Wissensdesign, nicht um wissenschaftliche Kompetenz.
Ralf: Das, was wir nun seit knapp zehn Jahren versuchen ist nun, mit künstlerischen, also ästhetischen Mitteln die Grundmethoden dieser Think Tanks transparent zu kriegen: Das wäre zum Beispiel das Echokammer-Prinzip. Da geht es darum, eine ideologische Information solange aus unterschiedlichsten Quellen und Medien in der Öffentlichkeit zu wiederholen, Zitierketten und Copy-Paste-Strukturen hinzukriegen, dass diese Information am Ende geglaubt wird, weil es ja alle sagen. Solche information bubbles platzen zu lassen, halten wir für eine große und schöne künstlerische Herausforderung. Schön vor allem deshalb, weil wir es spielerisch tun, mit den Formaten spielen, die diese Think Tanks selber benutzen. Wir saugen die Think Tanks quasi ästhetisch aus.





Und was habt ihr  in Istanbul getrieben?
Ralf: In Istanbul haben wir die dortigen Think Tanks recherchiert, und da die meisten in der Hauptstadt Ankara ihre Lobby-Arbeit erledigen, deren Aktivitäten in Istanbul. Im Vordergrund stand dabei das City Branding von Istanbul. City Branding dient weniger dem Tourismus-Marketing als der Kontrolle über das öffentliche Bewusstsein von einer Stadt aber auch in einer Stadt. Auch Nation Branding wird gemacht. 
Manuela: Gerade da ist Istanbul wichtig. Mit Hilfe von Istanbul will die Türkei in der Globalisierung wahrgenommen werden, sich quasi vermarkten. Was erst mal Nahe liegt, denn Istanbul ist nach Moskau die zweitgrößte Stadt Europas. Daran kann keiner vorbei. So kleine Millionenstädte wie Diyarbekir hingegen kennt schon in Europa kaum noch jemand und in Asien oder in Amerika ist damit keine Aufmerksamkeitsökonomie zu machen, vorausgesetzt die türkische Republik würde das überhaupt wollen. 
Ralf: In der marktradikalen Logik ist Istanbul eine Marke, die Potenzial hat und die deshalb nicht nur nach außen globalisiert werden kann, sondern auch nach innen entwickelt werden muss. Die Bewohner_innen einer Stadt müssen letztlich das übernehmen, glauben, was als Marke geschaffen wird. In den deutschen Medien wird das dann bei Istanbul oft verkürzt auf eine „Re-Osmanisierung“ der Türkei, weil sich anscheinend die Gewichte von Ankara nach Istanbul verschieben. Diese Verkürzung der Wahrnehmung ist durchaus im Sinne des City Brandings, das ja auch mit der großen Geschichte Istanbuls wuchert oder mit dem plumpen Gerede von Europa und Asien, die da irgendwie 'ne Brücke hätten.

Wo sind Ästhetiken einer neoliberalen Stadt zu erkennen?
Ralf: Da müssten wir erst den Begriff „neoliberal“ klären. Wir benutzen ihn sehr ungern, da zur Zeit alles mögliche darunter verstanden wird oder werden will. Auf Istanbul bezogen: Der vermutliche Erfinder des Begriffs Neoliberalismus, 1938 auf einer Tagung in Paris beschlossen, lebte zu dieser Zeit im Exil in Istanbul: Der Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Alexander Rüstow. Nach dem Ende des Nationalsozialismus kehrte er nach Deutschland zurück, forschte in Heidelberg und wird heute als einer der Gründungsväter der sozialen Marktwirtschaft geführt. 
Manuela: Wobei wir dann wieder darüber reden müssten, was an diesem Begriff aus dem bundesrepublikanischen nation branding wirklich dran ist. Während unseres Recherche-Aufenthalts in Istanbul haben wir uns auch mit Rüstow beschäftigt. Zum Beispiel den Ort auf der asiatischen Seite in Augenschein genommen, seinen Blick aufs Meer, dort, wo er über Neoliberalismus nachdachte. Auch im Gespräch mit dem Dekan der Wirtschaftswissenschaften an der Istanbuler Universität war Rüstow Thema. Er hatte an der Universität gelehrt. Zu mehr hatten wir leider keine Zeit.

Wie liberal schätzt ihr den Staat ein, und wie sehr greift er in das Geschehen in Istanbul ein?
Ralf: Ich vermute, du hast vielmehr Wissen darüber, wie zentralistisch die türkische Republik von Ankara aus gesteuert wird. Liberal wäre jetzt das falsche Etikett. Wir haben uns mit einem liberalen Think Tank in Istanbul getroffen und teilen – wirklich ausnahmsweise – mal deren Ansicht, dass sich eine liberaler Staat zumindest über Gewaltenteilung definieren muss und über die Gewährleistung bestimmter Rechte. Aktuell ist die Versammlungsfreiheit nicht gewährleistet. 
Und dass sich eine Bewegung selbstironisch als „Pinguine“ bezeichnet, weil statt einer Berichterstattung über ihren Protest im Fernsehen eine Tierdokumentation über Pinguine läuft, das spricht auch nicht für ein liberales Mediensystem. Ökonomisch gesehen geht’s jedoch über weite Strecken um eine liberale, also marktradikale, Globalisierung, sieht mensch mal davon ab, dass der Staat der größte Auftraggeber für eine Reihe von Großunternehmen ist und sie so an sich bindet.

Was hat euch am meisten überrascht?
Ralf: Also für mich war am erhellensten, wie nahe sich der AKP-Kapitalismus – wir haben ihn spaßeshalber in der Ausstellung „sufistischer Kapitalismus“ genannt – und der protestantische Kapitalismus sind: Im Bezug auf die Arbeitsethik, in Bezug auf das Verweben von Moral und kapitalistischer, sozialdarwinistischer Erfolgslogik. 
Wir waren ja vor der sogenannten Soma-Katastrophe in Istanbul. Sogenannt deshalb, weil unsere Gesprächspartner_innen auf die hohe Anzahl von Arbeitsunfällen in der Türkei hingewießen haben und auch bereits die Zustände in den Bergwerken nannten. Also die Katastrophe ist strukturell und nicht einfach ein Unglück.

Was ich für die Analyse der anschließenden, niedergeknüppelten Proteste dabei interessant fand: Das, was in den deutschen Medien als Gefühllosigkeit Erdogans gegenüber den Opfern dargestellt und damit auf seine Person individualisiert wird, hat mehr mit diesem „sufistischen Kapitalismus“ zu tun. Nämlich davon auszugehen, dass es Schicksal sei. Es sei eben das Schicksal, das Selbst, von Bergarbeiter_innen im Bergwerk zu sterben, oder von Taxifahrer_innen in einem Autounfall. Das hat was mit höherer Bestimmung und einer bestimmten Staatsraison zu tun. Ich nenne das sozialdarwinistisch. Gegen diese Form der ideologischen Unterdrückung helfen nur kollektive Anstrengungen und die wiederum bekämpft der marktradikale Liberalismus. Dieses Zusammenspiel hält das Ganze sehr stabil.

Hat die repressive Art, mit dem Erdogan den Taksim-Aufstand nieder hat schlagen lassen mit der typischen Funktionsweise deregulierter Staaten zu tun? Also damit, dass hier Spannungen in der Gesellschaft mit einer Überangebot an polizeilichen Kontrollmechanismen begegnet werden?

Manuela: Der türkische Staat ist keineswegs dereguliert, genauso wenig wie der deutsche Staat. Gemeinsam ist vielleicht bei sogenannten deregulierten Staaten, dass sie bei einer Reihe bestimmter Probleme immer behaupten, sie seien ohnmächtig, nicht zuständig, könnten sich gegen Märkte nicht durchsetzen. Das ist aber ein demokratisch legitimierter Selbstverzicht. Fakt ist, dass die Staaten – zumindest der sog. westlichen Welt – nie mächtiger waren als jetzt. Ihre Polizei- und Kontrollapparate sind enorm gewachsen und nahezu weltumspannend. Die Staaten setzen sie nur nicht ein, bzw. nur gegen bestimmte Gruppen, die nicht in die marktradikale Gesellschaftsplanung passen.
Ralf: Wie zum Beispiel am Taksim. Spannender ist, wie die demokratische Legitimierung dieses Selbstverzichts, die öffentliche Argumentation der vermeintlichen Hilfslosigkeit funktioniert. Die Regierungen haben ja Mehrheiten. Und da kommen eben zum Beispiel die Think Tanks und deren Echokammern ins Spiel. Die seit Jahren hinausposaunen, was der Staat leisten kann, was er nicht leisten kann und soll und ihre Konzepte im Rahmen der Beratungsindustrie an Politik und Öffentlichkeit verkaufen. In der Türkei kann eben der Staat nicht für ordentliche Arbeitsbedingungen sorgen, dafür aber den Taksim am 1. Mai sperren.

 

Konntet ihr euch einen Eindruck vom Immobilienwesen in Istanbul machen? Was geht da?

Ralf: Da geht viel! Fragt sich nur für wen. Wer investieren kann, wird reich, wer nicht investieren kann, soll verschwinden. Einer unserer Gesprächspartner_innen brachte das auf den Punkt, er müsse nicht mehr verreisen, um Abwechslung vom Alltag zu finden, weil die Stadt jeden Morgen schon wieder anders aussieht. Wir haben uns auf vier Stadtquartiere beschränken müssen, die zur Zeit von Flächensanierung bedroht sind. In München zum Beispiel hat die Stadtverwaltung ja Mitte letzten Jahrhunderts von den ursprünglichen Planungen Abstand genommen, Innenstadtrandgebiete wie Haidhausen einfach abzureißen und hat stattdessen die Objektsanierung favorisiert. Was selbstverständlich auch zum weitgehenden Austausch der Bevölkerung führte, die nun im Image des ehemaligen Ausländer- und Künstler-Viertels lebt. Istanbul setzt nach wie vor auf Flächensanierung. Uns interessierte jetzt weniger diese Politik der Gentrifizierung – da gibt es ja vielfältige Initiativen und auch praktische Projekte von Künstlerinnen, die das zum Thema machen. Für uns war der Zusammenhang zum City Branding wichtiger. Zum Beispiel ist Sulukule jetzt nach rund 1000 Jahren Siedlungskultur der Roma zerstört. Das City Branding setzt aber genau auf Bilder authentischer Geschichte. Es wird sozusagen in der Realität vernichtet, was dann zum Ausgleich in der Fiktion des Brandings wiederaufersteht. Das erinnert an das Vorgehen von Think Tanks, Freiheit zu propagieren, wo de facto Unfreiheit entsteht. Das setzt sich aktuell zum Beispiel in den Hafenquartieren fort. Wir sollen durch zugerichtete Einkaufszentren flanieren und dabei die überraschenden Gefühle des alten Hafens spüren.

Wie schätzt ihr den Staat (unter Erdogan) ein? Verlaufen die gesellschaftlichen Grenzlinien zwischen religiösen und Säkularen oder mehr zwischen denen, die Kapital haben und denen, die mittellos sind?

Ralf: Zumindest die urbanen Grenzlinien in Istanbul werden am sichtbarsten an den neuen gated communities. Ob das überhaupt und wie weit das auf andere Städte oder gar die gesamte Türkei übertragen werden kann, damit haben wir uns nicht beschäftigt. Unsere Gesprächspartner_innen haben uns darauf aufmerksam gemacht, dass die klassischen religiösen und säkularen Milieus im Wandel sind, bis hin zu theologischen Herausforderungen. Die Politik der AKP-Regierung hat in Istanbul einen neuen religiösen Mittelstand entstehen lassen, der auch von dieser Politik abhängig ist und entsprechend zur demokratischen Unterstützung beiträgt. Eine unserer Gesprächspartner_innen hat den Weg einer solchen Familie des neuen religiösen Mittelstandes untersucht. Diese Familien verlassen ihre bisherigen eher religiös bestimmten Stadtquartiere, weil sie sich dort auf Grund ihres Reichtums nicht mehr halten können. 
Manuela: Der Umzug in die traditionellen Quartiere der Mittelschichten, die eher säkular bestimmt sind, ist schwierig, weil dort Reichtum und Religion ebenfalls nicht ohne Widerspruch gelebt werden können. Damit sind die neuen gated communities interessant, die den Immobilienmarkt befeuern. Es geht also um die Homogenisierung eines Lebensstils im urbanen Gefüge, wie er auch in deutschen Innenstadtarealen zu beobachten ist, wenn auch nicht unter religiösen Vorzeichen, jedoch durchaus in der ideologischen Gemeinsamkeit einer Ethik des Erfolgs. 
Ralf: Ästhetisch gesehen ist das alles sehr spießig und in die hohlen Formeln gepackt, wie wir sie von den Think Tanks kennen. Ich glaube die Sprache der Think Tanks wird nur noch getoppt von der Lyrik der Immobilienentwickler.

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Heute Abend: Finissage der Ausstellung "Call it  Cool Istanbul" in der Plattform 3 mit  THE FREE MARKET ROADSHOW ISTANBUL voM BTTP,
Kistlerhofstraße 70 (U3/ Aidenbachstraße)
19 Uhr 

Better Think Tank Projekt
www.bttp-network.org


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